Anna Stüdlin - entlaufene Nonne
Ich bin die Tochter des Kaufherrn Peter Stüdlin und seiner Ehefrau Barbara, geb. Langenmantel. Mit meinen Eltern und Geschwistern wohnte ich im Haus Zangmeisterstraße 24 nahe des Westertores. Seit einigen Jahren bin ich Nonne im Elsbethenkloster. Einige von uns wurden als Kinder ins Kloster gegeben, weil wir stellvertretend für das Seelenheil der Familie beten sollen. Manche müssen auch ins Kloster eintreten, da die Eltern ihnen keine große Mitgift mitgeben können.
1519 gab Qes heftigen Streit mit Prior Gregor Roser von den Augustinereremiten aus dem Kloster am Marktplatz. Ein Jahr später beauftragte der Bischof von Augsburg den Prediger Christoph Schappeler und noch zwei weitere Geistliche der Martinskirche, Christoph Gerung und Job Ulin, bei uns Gottesdienst zu halten.
Durch die Predigten der drei Pfarrer hörten wir von Martin Luther, der sagt, dass das Leben einer Nonne nicht gottgewollt ist. Viele hat das so sehr bewegt, dass schon letztes Jahr einige von uns das Kloster verlassen wollten. Darauf steht zwar eine schwere Strafe, doch auch ich will nicht mehr hierbleiben. Oft können wir nicht zu unserer Familie zurück, eine entlaufene Nonne ist für sie eine Schande und untragbar.
Ich fliehe mit Hans Menteler, einem Bürger von Zürich, in seine Heimat. Wir wollen dort heiraten. Der Rat von Zürich ersucht nun in meinem Namen bzw. im Namen meines Mannes die Stadt Memmingen, dass man das Gut, das ich ins Kloster einbrachte, als Mitgift herausgebe. Doch das Kloster weigert sich.
Wie es weiterging, ist unbekannt. Ab Sommer 1525 waren statt bislang 24 Nonnen nur noch Priorin Susanna Besserer und die Schwestern Genoveva Funk, Anna Buffler, Ursula Stoss, Elisabeth Maeler, Cäcilia Trub, Elisabeth Sporer und Margarethe Zangenried im Kloster. Anna Stüdlin heiratete noch einmal: 1539 wird Hans Rellstab von Egk in Grüningen als ihr Mann genannt; Annas Mutter ist damals verstorben und das Erbe sollte verteilt werden.