Christoph Gerung - reformfreudiger Prediger
Vor drei Jahren kam ich nach Memmingen als Prediger im Elsbethenkloster. Mindestens fünfmal pro Woche muss ich die heilige Messe lesen und das Evangelium verkündigen. Bis dahin hatte Christoph Schappeler dieses Amt übergangsweise versehen. Er predigte im Sinne von Luther und Zwingli und hielt die Abgabe des Zehnten für unnötig. Schon bald behauptete Pfarrer Jakob Megerich*, dass eigentlich er – wie schon früher – alleine im Kloster predigen dürfe. Ich halte dagegen, dass dieser noch ein Priester „vom alten Schlag“ sei, die Messe in Latein lese und kaum einer der Gläubigen sie verstehe. Ich dagegen predige auf Deutsch, lhne den Kult um die vielen Heiligen ab und ich orientiere mich allein an der Bibel. Auch der zweite Prediger im Kloster, Job Ulin, ist von den neuen Gedanken der Reformatoren begeistert.
Auch die Ohrenbeichte lehne ich strikt ab. Mit dem Traktat „Ain kurtze Unterweisung, wie man Gott allein beichten soll“ habe ich verdeutlicht, dass Geistliche nicht zwischen Gott und den Menschen stehen und diesen nicht die Vergebung der Sünden verweigern dürfen. In Augsburg war ich Trauzeuge bei der Hochzeit eines Predigers. Meiner Meinung nach ist die Ehelosigkeit der Priester nicht von Gott gewollt. Seit meinem Amtsantritt versuchen einige meiner Kollegen mich von diesen neuen Gedanken abzubringen. Sie hetzen sogar meine Vorgesetzten gegen mich auf. Da sie damit aber keinen Erfolg haben, versuchen sie mich einzuschüchtern, bedrohen mich. „Man werde mich auf einen Karren schmieden und zur Stadt hinausschaffen lassen“.
Wie es weiterging: Christoph Gerung verließ die Stadt. Job Ulin wurde sein Nachfolger, bis auch er 1525 heiratete und die Stadt verlassen musste.
Literatur: Friedrich von Ammon / Wilhelm Dannheimer / Hermann Erhard (Bearb.): Pfarrerbuch der Reichsstadt Memmingen. Die evangelischen Geistlichen 1524-1803, in: Memminger Geschichtsblätter 1976, S. 5-85; Martin Sontheimer: Die Geistlichkeit des Kapitels Ottobeuren. Von dessen Ursprung bis zur Säkularisation, Bd. 1: I. Kapitelvorstände, II. früh abgegangene Pfarreien, III. durch Reformation abgegangene Pfarreien (Arlesried, Buxach, Dickenreishausen, Frickenhausen, Herbishofen, Lauben, Memmingen St. Martin, Memmingen Unser Frauen, Obererkheim, Steinheim, Theinselberg, Volkratshofen, Woringen) und Benefizien (Memmingen St. Martin, Memmingen Unser Frauen, Spitalkirche, Augustinerkirche, Elsbethenkloster), Memmingen 1912, v.a. S. 572 ff.