Frau eines Webers - voller Wut
„Uns Webersfrauen reicht´s! Tag für Tag sitzen wir wie unsere Männer am Webstuhl und dann noch Kindererziehen und Haushalt. Jahr für Jahr wird unsere Lage schlechter! Wir bekommen von den reichen Kaufleuten immer weniger für unsere Stoffe.
Endlich gibt es jetzt einen, der den Reichen die Meinung sagt und den sie ernst nehmen müssen: Der Prediger Schappeler von St. Martin spricht klar aus, wie sehr der Rat die Reichen begünstigt und wie ungerecht er gegenüber uns armen, aber ehrlichen Leuten ist! Das gibt uns Mut!
Noch nie haben wir vom Pfarrer Megerich so etwas gehört. Dabei ist er der Pfarrer der Frauenkirche, in deren Nähe wir Weber hauptsächlich wohnen. Aber der redet ja lieber Lateinisch mit uns, als das Evangelium wahr und unverfälscht auf Deutsch zu verkünden! Er weigert sich, Brot UND Wein als Abendmahl im Gottesdienst auszuteilen. Der Rat verwarf unsere Beschwerde dagegen, wir könnten ja nach St. Martin gehen war die Antwort.
An Weihnachten 1524 haben wir es dem Megerich gezeigt! Er hörte nicht auf mit dem lateinischen Gemurmel und dem Weihrauchschwenken – da haben wir ihn zur Rede gestellt, manche haben Kerzen und Heiligenbilder umgestürzt. Er ist bleich geworden, in die Sakristei geflüchtet, wir hinterher: „Wir wollen evangelisch werden!“ riefen wir und manche haben mit Fäusten auf ihm eingeschlagen. Zu seinem Glück sind der Bürgermeister und einige Ratsmitglieder gekommen und haben sich schützend vor ihn gestellt. Aber erst als Megerich einwilligte, mit Schappeler öffentlichen über den rechten Glauben zu diskutieren, ließen wir ihn gehen. Das zeigt: Wir lassen uns jetzt nicht mehr alles gefallen! Und wenn die Bauern sich auch nicht mehr alles gefallen lassen – um so besser, dann machen wir gemeinsame Sache gegen die da oben, wir Webersfrauen stehen auf ihrer Seite, uns reicht´s!
Literatur; Askan Westermann: Zur Geschichte der Memminger Weberzunft und ihrer Erzeugnisse im 15. und 16. Jahrhundert, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 12, 1914, S. 385-403, 567-592; Barbara Kroemer: Die Einführung der Reformation in Memmingen. Über die Bedeutung ihrer sozialen, wirtschaftlichen und politischen Faktoren: in: Memminger Geschichtsblätter 1980, S. 1-226 (mit Ratslisten); Peter Blickle: Memmingen – Ein Zentrum der Reformation, in: Jahn, Joachim, Hans-Wolfgang Bayer in Verb. mit Uli Braun: Die Geschichte der Stadt Memmingen. Von den Anfängen bis zum Ende der Reichsstadt, Stuttgart 1997, S. 351-418