Melchior Buntz - die Sorgen eines Webermeisters
Ungefähr 250 Webermeister wie mich gibt es in der Stadt. Aber trotzdem sind wir nicht mächtig. Im Gegenteil! Jedes Jahr müssen wir zittern, ob es zum Leben reicht, was wir herstellen und verkaufen können. Nicht die große Zahl an Weber ist das Problem. Wir regeln in der Zunft, dass die Konkurrenz untereinander begrenzt bleibt. Keiner kann mit neuen Stoffen experimentieren oder beliebig viele Gesellen und Lehrknechte einstellen, mehr als einer pro Betrieb ist nicht erlaubt.
Was uns das Leben schwer macht, sind die reichen Kaufleute, die uns ausbeuten! Weil wir zu wenig Geld haben, um Flachs oder Wolle selbst zu kaufen, liefern uns die Kaufleute die Rohstoffe. Wir können nur in ihrem Auftrag weben und sie drücken die Preise für unsere Produkte, wo es nur geht. Das können sie, weil die Weber aus den Dörfern, die in keiner Zunft sind und oft als Bauern nebenher weben, auf unserem Markt in Memmingen ihre Billigware verkaufen dürfen. Wie oft haben unsere Zunftmeister sich deswegen beim Rat beschwert. Manchmal hatte der Rat auch ein Einsehen, weil er unsere Not sah und wohl auch, weil wir die größte Handwerkergruppe in der Stadt sind und auch mal laut werden können. Dann wurden die Landweber vom Markt ausgesperrt, aber bald darauf setzten die Kaufleute durch, dass sie doch wieder verkaufen dürfen. Jetzt gibt es den Kompromiss, dass die Landweber nicht alle Webwaren herstellen dürfen, aber der Konflikt zwischen uns und den Kaufleuten bleibt.
Immerhin fühlen wir uns jetzt moralisch unterstützt vom Prediger Schappeler, weil er den Reichen ins Gewissen redet!
Literatur: Askan Westermann: Zur Geschichte der Memminger Weberzunft und ihrer Erzeugnisse im 15. und 16. Jahrhundert, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 12, 1914, S. 385-403, 567-592